Projekte
Ich schreibe sehr gern an Texten, die erstmal keine feste Bestimmung haben, ausser, dass sie mich selbst unterhalten und Freude machen. Daraus können Bücher werden. Oder Filme. Oder Spiele. Oder Podcasts. Egal was: Hauptsache, es macht Spaß. Ich hoffe, Dir auch.

Hügo und ich


Menschen, die sprechende Tiere gern haben, werden dieses Buchprojekt mögen. Es geht um einen Pinguin. War klar, oder?

    Kapitel 1

    Ich habe ihn im Winter kennengelernt. Wann auch sonst? Er ist ein Pinguin...

    Die Begegnung mutet zunächst wie in freier Wildbahn an. Ein Pinguin schmiegt sich an den anderen. In der Masse sind nur Größenunterschiede erkennbar. Kleine Pinguine und große Pinguine. Und alle wollen gerettet werden. Einer krächzt lauter als der andere „Nimm mich mit!!!“. Unmöglich, denke ich. Einer reicht. Schließlich habe ich nicht so viel Bargeld dabei und bin auch gerade auf dem Weg zu meiner Chorprobe. Da kann ich ja nun nicht mit einer ganzen Horde Pinguine ankommen. Und das schließt schon mal alle Pinguinmütter aus, die ihre Kleinen an den Bauch genäht vor sich her schubsen. Mitleidserregend. Und genau so wollen sie sich auch dargestellt wissen.

    Genau genommen können sie gar nicht viel schubsen, denn allesamt kuscheln sich auf einem Regal zusammen. Unten in der Spielwarenabteilung von Karstadt in der Mönckebergstraße in Hamburg. Draußen findet seit einer Woche das Alstereisvergnügen statt. und die Hamburger flitzen mit ihren im selbigen Kaufhaus erworbenen neuen Schlittschuhen über den großen See inmitten der Stadt. Das hat sich auch bis zu den Plüschpinguinen im Untergeschoß herumgesprochen. Alle wollen raus - aufs Eis. So schnell wie möglich. Sofort! Hinderungsgründe: eine Rolltreppe und was noch viel schlimmer ist: eine Plastik-Fußfessel, die Warnsignale abgibt, sollte einer von ihnen das Geschäft verlassen. Es sei denn, er wird freigekauft. Und ja, da komme ich ins Spiel...

    Mein Gott, bin ich naiv. Das weiß ich jetzt, 6 Jahre nach unserer ersten Begegnung. Was dieser Pinguin in meinem Leben alles angerichtet hat, sowohl im Guten als auch im weniger Guten. Davon handelt dieses Buch. Ach ja, bevor es weitergeht: er heißt Hügo, ist kanadischer Abstammung und damit von einem französischen Akzent befallen. Das macht ihn zwar einerseits sehr charmant, andererseits aber auch - wenn ich es nicht besser wüsste: unglaubwürdig. Es gibt keine Pinguine in der Arktis! Und Kanada liegt da nun mal verdammt dicht dran. Er lügt also wie gedruckt. Aber was will man schon verlangen, von einem kleinen dicken Tier, das zauberhaft durch die Gegend watschelt, auf alles eine Antwort hat und dabei vorlaut und frech ist. Ich musste das einfach akzeptieren. Also gut. Voilà: Hügo. Der oiiinzigä Penguin aus drrr Arktissss.

    Kapitel 2

    Ich stehe also vor dem Regal. In der ersten Reihe drängen sich die Mütter mit den Kindern. „Frauen und Kinder zuerst“dröhnt es in meinem Kopf. Gemein. Ich habe ein viel zu weiches Herz, als das nicht zu beachten. Aber: ich will nur einen Pinguin. Das muss reichen. Und der einzelne, der sich gerade aufplustert, der, ja der, der sieht ganz niedlich aus. „Nimm miiiiisch, nimm miiiiisch! Isch mache disch auch keine Schande!!!“. Komisch, denke ich. Französischer Akzent ... Macht ihn sympathisch. Mein Auslandsstudium in Québec und meine Liebe zu Frankreich tun ihr Übriges. Er überzeugt und ich kaufe ihn frei. Ab zur Kasse mit ihm. Eigentlich wollte ich doch bloß dieses Kartenspiel besorgen. Manche Frauen kaufen Schuhe. Ich halt einen Pinguin. Und das Kartenspiel. Das findet der Pinguin nun allerdings nicht so gut. Er sieht seine Bedeutung in meinem Leben schwinden und fordert mich auf, dem Kartenspiel so wenig Beachtung wie möglich zu widmen. „Passt schon“, sage ich ihm. „Wir gehen jetzt sowieso erst mal zur Chorprobe. Bei ordentlichem Benehmen, darfst du die Tüte verlassen. Und mitmachen.“ Ich finde, dass muss erst mal reichen. Schließlich würde er ohne mich noch eine ganze Weile mit allen anderen die Rolltreppe in die Freiheit anstarren. Der Weg zum Alstereisvergnügen wäre weiterhin unerreichbar. Da kann ich doch wohl etwas Dankbarkeit für meine Spontanrettung erwarten, oder? Und tatsächlich höre ich kein Murren mehr, als wir die warme Luftpustezone des Kaufhauses verlassen und in den Minustemperaturbereich von Hamburg eintreten. Ich atme auf.

    Ein paar Schritte weiter liegt schon das nächste Gebäude, dass wir nun zu zweit betreten. Der Hühnerposten. Ich hoffe, das Vogeltier kann nicht lesen. Er könnte entrüstet sein oder wieder rummäkeln. Und das direkt vor so vielen anderen Menschen, die fröhlich dem Gebäude entströmen. Die sich dort befindliche Bücherei schließt gerade und auch das Goethe-Institut macht seine Türen für heute zu. Im Prinzip also ideal für den fantasiebegabten Pinguin und mich. Er hält still und muckst erst wieder, als wir im obersten Stockwerk angelangt sind. Dort treffen sich jeden Freitag die Mitglieder des Deutsch-Japanischen Chores. Also auch ich, denn ich bin eines von ihnen. Der Pinguin ist der Meinung, er sei es jetzt auch. Mitglied. Klar, oder? Pinguin im Chor. Wegen der Unruhe in der Tüte muss ich ihn tatsächlich rausholen und vorstellen. Gut, dass Musiker tolerant sind und der Tenor noch eine weitere Stimme vertragen kann. Er darf mitmachen. Zunächst aus dem Hintergrund. Ich bin froh und sicher, dass ich ihn kein weiteres Mal mitnehmen werde. Er sieht so sympathisch aus. So unglaublich niedlich, dass er bei fast allen auf dem Arm landet. Mit dem bewundernden Hinweis, er habe nicht ein einziges Mal falsch gesungen! Soweit ich das beurteilen kann, hat er allerdings auch nicht ein einziges Mal den Schnabel geöffnet. Und mit geschlossenem Mundwerk kann man bekanntlich schlecht falsch singen. Aber egal. Publikumsliebling. War ja eh klar... „Er darf wiederkommen“, sagt der Chor. Ich denke „Nö“, bleibe aber still. Auf dem Heimweg zeigt sich ein bisschen mehr das wahre Gesicht des Pinguins. Er will nun nicht mehr bloß zum Alstereisvergnügen, sondern auch eine ewige Chormitgliedschaft. Denkste ...; wir gehen.

    Kapitel 3

    Zu Hause angekommen gibt es erst einmal eine kleine Vorstellungsrunde. Es gibt einen Hund - und der bleibt. Ist ja klar, denn wer würde schon sein langjähriges Haustier gegen einen dahergelaufenen Plüschpinguin eintauschen?!? Hügo ist mittelmäßig begeistert sich den Haushalt mit einem anderen Tier teilen zu müssen. Er quietscht „Hund wiegt Pfund!“. „Was meinst Du damit?“, frage ich. „Niiiiischt korrekt!!!!“ kommt sogleich als erboste Antwort. Ich verstehe kein Wort. Erst ein sinnfreier Reim und dann ein unvollständiger Satz. Und anscheinend keine Liebe zum Hund. Das kann ja heiter werden. Denn es geht noch weiter. Ich beschließe, den Pinguin in die Hände meines Freundes zu geben. „Jochen!!! Ich habe Dir etwas mitgebraaaacht!!!“. „Hmhmmmmm“ tönt es aus dem Wohnzimmer. Das ist der Unterschied zwischen Hund und Mann. Der Hund steht schwanzwedelnd und freudig an der Tür, wenn ich heimkomme. Auch freitagabends nach zehn Uhr. Auch wenn ich einen mürrischen Pinguin im Gepäck habe. Und der Mann? Klassiker: Couch und Fernsehen. Und mäßiges Interesse an allem anderen. Mal sehen, was passiert, wenn sich Hügo vorstellt. Ein neues Mitglied im Haushalt kann schließlich für zusätzliche positive Stimmung sorgen, oder? Ich stürme also mit dem Hund im Schlepptau und dem Pinguin im Arm das Wohnzimmer. „Schau mal, hier!“. „Schon wiiiiiieder ein Kuscheltier? Muss das sein?!?“ Zugegeben. Mit Anfang dreißig habe ich eine recht große Sammlung an Kuscheltieren. Aber es sind viel weniger, als noch zu Kinderzeiten! Echt wahr. Und sie haben alle eigene Charaktere und Geschichten. Und sie sind süß. Und überhaupt. Aber dieses hier, dass stellt sich jetzt sowieso selbst vor. „Niiiiiisch korrekt“, dröhnt es aus dem Pinguin. „Er kann sprechen?“, fragt Jochen. „Klar kannn iiiiisch schbräschen“, krakeelt der Pinguin. „Mein Name ist Hügo und isch komme aus die Arktis direkt zu disch. Und isch will zu die Alstereisvergnügen. Sofort!“. Tja, er weiß was er will, denke ich bei mir. Mal sehen, wie überzeugend er jetzt ist. Der Hund zumindest wird immer interessierter und wittert eine Möglichkeit zum Spielen. Plüschtiere hatte er als Welpe schon mal. Sie hielten nicht lange, wenn ich mich recht entsinne. Speziell diese Quietsche-Ente ... Na ja, das hier ist ja eine andere Vogelart. Und sie weiß sich zu helfen. „Niiiiisch korrekt“ zischt der Pinguin in Richtung Hund. Und der verkrümelt sich tatsächlich auf seine Decke. Jetzt bin ich mir sicher. Wir haben einen neuen Mitbewohner, der wohl so einiges zu bieten hat.

    Kapitel 4

    „Wo soll er denn wohnen?“ lautet die Frage vorm Zu-Bett-Gehen. „Bei Dir natürlich“, finde ich. „Mach, was Du willst mit ihm!“. Charaktermäßig passen Jochen und Hügo bisher ganz gut zusammen. Beide haben so etwas von charmant und Macho-Arschloch gleichzeitig. Zugegeben, mir ist charmant lieber, aber ich nehme den Anteil-Macho einfach nicht so ernst. Zumindest bilde ich es mir ein. Vielleicht sollte ich doch mal meinen besten Freund dazu konsultieren, wie er meine Veränderungen in dieser langjährigen Beziehung mit Jochen sieht. Am besten so schnell wie möglich, denn jetzt, wo der Pinguin da ist, wird es schwieriger, meine Veränderungen nur auf den einen zurückzuführen. Ich muss da morgen mal anrufen ... „Isch will miiiiiiit“, krakeelt es auch schon von der Couch, als Jochen und ich das Wohnzimmer verlassen. „Kümmer Du dich ...“, ist das letzte, was ich sage, bevor ich kurz vor Mitternacht in die weichen Kissen falle. In gedämpfter Lautstärke höre ich, wie Hügo und Jochen gleichzeitig auf den Hund einreden. „Aus! Nein!“ tönt es von Jochen und ein entrüstetes: „Non!!! Is niiiiisch korrekt!“ vernehme ich auch noch. Wird wohl doch noch ein Versuch des tätlichen Übergriffes durch den Hund sein. Tiere spüren ja, wenn ihnen Gefahr droht. Macht also Sinn, den Pinguin so schnell wie möglich zu eliminieren. Im Sinne des Hundes ist es zumindest. Dann geht plötzlich das Licht im Schlafzimmer wieder an und 4 Knopfaugen funkeln mir entgegen. „Wir sind dann auch soweit“. „Hmmmmm“, brumme ich und drehe mich weg. Der Tag war aufregend genug. Die Herren machen es sich derweil auf der anderen Betthälfte bequem. „Sehr praktisch! Hügo hat genau die richtige Größe, um ihn als Kopfkissen zu benutzen!“. Eine Feststellung, die nicht direkt auf Gegenliebe stößt, denn als Letztes höre ich „Is niiiiiisch korrekt!“, bevor das Licht endgültig erlischt.

    Kapitel 5

    Am nächsten Morgen sieht alles ganz normal aus. Ich schlüpfe aus den Federn mit einem Gefühl von Wochenende! Alle anderen schlafen noch. Der Hund ist sowieso - dank der liebevollen Erziehung von Jochen - nicht vor 11h wach. Diese ging so: Hund will morgens raus und wird ignoriert. So lange, bis er nicht mehr auf die Idee kommt, dass vor 11h irgendetwas passiert. Von Jochens Seite her wurde dabei sogar die Taktik „Toter Hund“ angewendet. Eine Art Selbstversuch: Wenn der Hund in das Schlafzimmer des Herrchens eindringen kann, dann stellt sich das Herrchen so lange schlafend, bis der Hund ergebnislos wieder wegzuckelt. Was soll ich sagen: es hat tatsächlich als edukative Maßnahme so gut funktioniert, dass sich die Frage nach dem „Wer steht schon mal auf und lässt den Hund raus?“ nicht mehr stellt. Ich habe also Zeit für mich, denn auch der Pinguin macht keine Anstalten in das Wachstadium überzuwechseln. Geschweige denn Jochen. Ich nehme die Möglichkeit wahr, um endlich bei Steffen anzurufen, um den Status quo meines Verhaltens zu ermitteln. Wer weiß, ob sich da demnächst dank Hügo etwas ändert. In meinem Kopf spielen sich bereits Verschwörungstheorien ab: zwei Macho-Männchen und ich. Und die spielen sich gegenseitig die Bälle zu, um mich zur Wunscherfüllung zu bringen. Psychologische Kriegsführung sozusagen. Das wäre mir immerhin nicht neu, aber wenn gleich zwei auf einmal ... Ok, Gedanken erstmal beiseiteschieben. Der Versuch , Steffen vor 11h zu erreichen, klappt hoffentlich genauso gut. Und tatsächlich, nach nur zweimal „Tuuuuut!!! Tuuuuuuuuuut!“ ist die Leitung frei in Richtung Berlin. Steffen wohnt da mit seinem Freund. Diesbezüglich geben wir uns schon mal die Klinke in die Hand: Jochen ist 5 Jahre jünger als ich und Steffens Freund 10 Jahre jünger als ich. Steffen und ich sind gleich alt. Er hat gewonnen auf dem „Jung hält frisch“-Tripp. „Morgeeeeen“ tönt es verschlafen aus dem Handy. So ist es in unserer Beziehung schon immer gewesen: ich, energiegeladen und hellwach und Steffen, eher das Faultier unter den Menschen. Und dabei so erfolgreich, dass ich mir regelmäßig denke, ich sollte mir von ihm eine dicke Scheibe abschneiden. Eine Erkenntnis, die ich seit 6 Jahren pflege. Wer aufmerksam mitgelesen hat: ja, die wichtigen Ereignisse liegen immer 6 Jahre auseinander. Es ist 2016. Seit 6 Jahren kenne ich Hügo und 6 Jahre davor habe ich Steffen kennengelernt. Das spielt meinem Verschwörungstheorie-Denken voll in die Karten. Was wohl in weiteren 6 Jahren passiert?!??!!! „Guten Morgen, mein Liebster“ sage ich und komme nicht umhin, Steffen sofort mit sehr vielen Informationen zu bombardieren. Zum einen habe ich die Hoffnung, dass er dadurch aus seinem schläfrigen Modus schnellstmöglich erwacht. Zum anderen kann ich nicht anders. So bin ich nun Mal: sofort mit der Tür ins Haus fallen. An einer Änderung dieser Eigenschaft arbeite ich ebenfalls seit Jahren vergeblich. Für einen besseren Überblick: weitere Baustellen meinerseits sind: Herz auf der Zunge, sehr schnelles Denken, dass sogleich ohne weitere Analysen mit der Öffentlichkeit geteilt wird und etwa zehn andere Eigenschaften, die mir nicht immer zum Vorteil gereichen. „Du glaubst nicht, was mir gestern Abend passiert ist ...“, starte ich die Konversation. „Ich habe einen Pinguin zwangsadoptiert, oder vielmehr: freigekauft!“ Steffen ist einiges von mir gewohnt und grunzt nur am anderen Ende der Leitung, um zu bestätigen, dass er nicht wieder eingeschlafen ist. „Der Pinguin heißt Hügo und kommt aus der Arktis! Er hat einen französischen Akzent und scheint ein kleiner Macho zu sein. Zumindest ist er vorlaut und fordernd. Und wir könnten diese Situation mal als Sozialexperiment nutzen. Ich möchte von Dir wissen, inwieweit ich mich durch meine Partnerschaft mit Jochen verändert habe. Wir halten den aktuellen Zustand jetzt fest und schauen dann, wie ich mich durch den Zuzug des Pinguins verändere. Was meinst Du dazu?“. „Joa, das können wir ausprobieren, aber ich bin nicht sicher, ob ich das durchhalte ...“, kommt mir der erste Einwand entgegen. War eh klar. So ist er, mein Steffen. „Lass es uns ausprobieren. Also, schieß los! Wie habe ich mich in den letzten 6 Jahren so gemacht?“

    Kapitel 6

    „Also, wie war ich, als wir uns kennengelernt haben und wie bin ich dann in den letzten Jahren geworden?“, frage ich Steffen. „Hmmm, also, Du bist mit der Zeit immer entspannter geworden. Dein Wechsel vom einen zum anderen Freund hat Dir gutgetan, würde ich sagen. Früher warst Du viel ehrgeiziger und unruhiger. Mir gefällt Deine Entwicklung soweit gut.“, meint Steffen. Stimmt, denke ich. Früher hatte ich viel mehr meine Karriere im Kopf: schnell studieren und dann erfolgreich arbeiten. Den Zahn hat mir die Zeit gezogen. Als Volkswirtin wollte ich sowieso nie arbeiten. Zumindest habe ich es nur halbherzig versucht. Die Verlagswelt kam mir immer schöner vor. Und nachdem es mit meinem ebenfalls ehrgeizigen Ex-Freund auseinanderlief, hatte ich eine Besinnungsphase. Ganz ohne Freund. Aber der innere Antrieb, etwas zu finden, was zu mir passt – sowohl beruflich als auch freundestechnisch privat – blieb. Geduld war noch nie meine Stärke. In einem Rundumschlag hat sich dann unter Zuhilfenahme einer etwas größeren Krise alles zurechtgeruckelt. Umso spannender, mich selbst aus der Retrospektive zu erfahren. „Danke, Steffen! Das ist hilfreich.“ In meinem Kopf schwirren die Gedanken weiter. Irgendwie bin ich also ruhiger geworden. Vielleicht liegt das an der sehr gechillten Art von Jochen. Tatsächlich strahlt er Ruhe aus. Und Gelassenheit. Ist aber auch nicht verwunderlich, wenn man aus einem stinkreichen Haushalt stammt und, zumindest so wie es aktuell aussieht, sich nicht mit der Crux des Lebens, dem Geldverdienen, herumschlagen muss. Und er ist großzügig, so dass auch ich gelassener in Bezug auf die Finanzen geworden bin. Das stoppt das Ehrgeiz-Karussell ein wenig. Und ermöglicht Pinguin-Adoptionen. Hügo hätte also auch handgeklöppelt und mit Blattgold überzogen sein können. Finanziell kein Problem. Und auch wenn er ab sofort nur noch Sardellen von Gosch fressen wollen würde: was kostet die Welt?! Mein Gott, bin ich entspannt, denke ich. Steffen hat Recht, wie immer. Er hat einfach genug Abstand, um mich in meiner ganzen Komplexität zu erfassen und auf den Punkt gebrachte Analysen herauszuhauen. „Ok, fassen wir zusammen: ich bin also ruhiger, weniger ehrgeizig und gelassener geworden. Noch irgendwas, um den Status quo festzuhalten?“, frage ich. „Das ist doch schon mal was. Also, was sich nicht geändert hat: Du willst trotzdem alles am liebsten sofort. Und das widerspricht sich irgendwie. Aber Du warst schon immer voller Besonderheiten ...“. Was soll ich sagen? Nicht umsonst ist Steffen mein bester Freund. Diplomatisch, loyal, herzlich, ehrlich. Und er erfasst meine weibliche widersprüchliche Seele sehr gut. Mir war von Anfang an klar, dass er eine starke weibliche Seite hat. Und meine Intuition sagte mir recht schnell, dass er wahrscheinlich schwul ist. Er hat das dann noch lange dementiert, denn wir beide sind einfach besser darin, den anderen von außen zu betrachten und in die Seele zu blicken. Für uns selbst ist das schwieriger. Allein deshalb ist die Freundschaft so wertvoll. Ich will nicht, dass sich da so ein Macho-Pinguin-Männchen dazwischen drängelt. Wer weiß, wie der zu Schwulen steht? Notfalls muss ich ihm den Schnabel stutzen ... „Du Steffen, sag mir bitte, falls der Pinguin Dich irgendwie blöd von der Seite anmachen sollte. Ich weiß noch nicht, wie er zu Schwulen steht. Notfalls recherchiere ich dann mal zum Thema schwule Pinguine, um ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen ... Und wie gesagt: beobachte meine Veränderungen.“ „Ach, das wird schon. Mach Dir keine Gedanken, mit so etwas werden wir auf jeden Fall fertig. Wir haben schon ganz anderen Kram hinbekommen. Weißt Du noch, als wir das eine Jahr Funkpause hatten? Das war bestimmt schlimmer.“ „Ja, haste Recht.“ „Kann ich dann jetzt auflegen und noch einen Moment weiterschlafen?“ „Klar, mach das. Und euch einen schönen Samstag!“, verabschiede ich mich.